.

.

Mittwoch

Wunschprogramm: Winterbilder und Schiffbruch mit Tiger (Life of Pi)

Auf Wunsch der lieben Waldameise↓ zeige ich einige Winterbilder von der Fotocollage des vorherigen Beitrags gross, allerdings sind sie nicht von diesem Jahr. Doch so hat es letzte Woche hier ausgesehen, und so wird es wahr-scheinlich ab nächstem Wochenende, wenn der Winter nach kurzem Frühlings-geplänkel zurückkehrt, wieder zu sehen sein.

Und noch Bilder eines blattlosen Winterbaumes geschmückt mit farbigen Kugeln, die wohl die Wirtin des kleinen Kaffeehauses in der Nähe angebracht hat, um etwas Farbe in die Landschaft hineinzuzaubern.

Ich verteile die Bilder im Text, so lockert es diesen etwas auf, okay?


Übrigens nachträglich alles Gute zu deinem Geburtstag liebe Waldameise.
Ich wünsche dir viel Herzerwärmendes in Fantasie und Wirklichkeit!


Waldameisen entfliehen vor dem Lärm
und dem Umtrieb der Strassen;
sobald sie den offenen Himmel und die Wälder erblicken,
sind sie wieder Mensch.
Man findet sein Selbst in ihrem ewigen Frieden wieder.
Ralph Waldo Emerson

Und zum Film „Life of Pi“ (Schiffbruch mit Tiger) soll ich mich äussern, ob er mir gefallen hat, wie ich ihn finde, war noch eine Bitte.

Als erstes habe ich nicht mitgekriegt, dass der Film in 3-D-Technik ist, des-wegen habe ich die dazugehörige Brille nicht mitgenommen, also musste ich nochmals eine kaufen oder den Filmbesuch verschieben. Wer den Film im Kino angucken will, daran denken, ohne 3-D-Brille ist es nur das halbe Vergnügen.


Ja, ich war beeindruckt vom Film, ich erzähle jetzt nicht die ganze Hand-lung, es gibt dazu schon viele Beiträge im Internet HIER↓ und HIER↓, die dort gelesen werden können. Ang Lee hat meiner Meinung nach wieder einmal eine eindrückliche Geschichte erzählt mit fantastischen Bildern.

Erst die Kindheit der Hauptperson in Indien mit eindrücklichen Szenen z.B. wie sein realitätsbezogener Vater seinem Sohn Pi auf etwas brutale Art klar-macht, dass der Tiger, der zu ihrem Zoo gehört, kein Kuscheltier ist.

Der Tiger ist übrigens ein Kunstprodukt, doch er wirkt so realitätsnah, dass der Regisseur, wie ich im Internet gelesen habe, vor ein Tierschutzamt an-traben musste, weil man dort dachte, der Tiger sei für die Filmszenen mit Drogen ruhig gestellt worden.


Ebenso gefallen hat mir wie der kleine, spirituell aufgeweckte Pi im religions-freudigen Indien sich nicht nur für den Hinduismus mit seinen vielen Göttern und Göttinnen interessierte, sondern wie er sich ebenso mit der Gestalt von Jesus anfreundete und auch an den Ritualen der Moslems Gefallen fand.

Als rational denkendem Atheisten missfiel dies seinem Vater, und er mahnte ihn: Wenn du an alles glaubst, glaubst du letztlich an gar nichts.


Als er sich das erste Mal verliebte, und eine Tanzschülerin mit ihrer Schön-heit und Klugheit ihn verzauberte, traten diese Religionsfragen für Pi in den Hintergrund.

Die gezeigte Idylle nahm ein jähes Ende, als sich die politischen und wirt-schaftlichen Verhältnisse in Indien änderten. Die Eltern beschliessen auszu-wandern. Als Grundlage für ihre wirtschaftliche Zukunft in Kanada wollen sie einige der Tiere ihres Zoos auf die Schiffsreise über den Pazifik mitnehmen.

Nach einem mächtigen Sturm auf der Überfahrt kentert das Schiff. Schluss-endlich ist Pi alleine auf dem Rettungsboot zusammen mit dem Tiger, nun nimmt die Geschichte ihren fantastischen Lauf. Und ich muss gestehen, ich liess mich ganz von ihr einwickeln.


Bei zwei, drei Szenen dachte ich zwar schon, das ist jetzt etwas sonderbar, ob es so etwas tatsächlich gibt. Wie z.B. die Szenen mit den fliegenden Fischen oder den phosphorsierenden Quallen. Na gut bei der nächtens fleisch-fressenden Insel mit den tausenden von Erdmännchen, war auch mir klar, dass wohl nicht alles so ist wie es erscheint.

Die Bilder, wie der Himmel und das glasklare Meer ineinander verschmelzen zu einem unendlichen Raum, sind umwerfend. Das Ende der Geschichte ver-rate ich nicht, ich war dann doch etwas vor den Kopf gestossen, hätte es so nicht erwartet, obwohl ich es mir eigentlich hätte denken können.


Im Internet habe ich ein Interview mit Ang Lee gefunden, wo er zum Film befragt wird:

Interviewer: Seit 200 Jahren schreitet die Wissenschaft von Triumph zu Triumph. Heisst das auch, dass das Irrationale zunehmend verschwindet?

Ang Lee: Wissenschaften gibt es in der langen Menschheitsgeschichte erst seit kurzer Zeit, und sie finden jeden Tag Neues. Dass damit die Zahl der Rätsel abnimmt, glaube ich nicht.

Mit jeder neuen Entdeckung, neuen Erklärung tun sich neue Fragen auf. Ich halte das für eine Grundkonstante unseres Lebens. Weil das so ist, tut der Mensch gut daran, der Schöpfung gegenüber Demut zu bewahren.


Und zum Ende des Films sagte Ang Lee:

Ja, es geht es auch um die Macht des Erzählens und unsere Bereitschaft, sich auf Illusionen einzulassen. Die meisten Filme beruhen auf einem inoffiziel-len Vertrag zwischen Geschichtenerzähler und Geschichtenseher: Du weißt, was du kriegst, wenn du in einen Hitchcock oder Western gehst.

Diesen Vertrag bricht "Pi". Er verführt den Seher über weite Strecken, die Geschichte vom Tiger im Boot zu glauben – und dann fragt er, ob diese Ge-schichte wahr gewesen ist. Das ist in gewisser Weise irritierend, weil einem der Teppich unter den Füßen weggezogen wird.

Wir waren uns nicht sicher, ob wir alle Zuschauer auch bis zum Ende mitneh-men könnten, aber die meisten scheinen uns gefolgt zu sein. Ich war sehr nervös

Wer mag kann das ganze Interview mit Ang Lee HIER↓ lesen.


Oh ja, ich bin der Geschichte auch bis zum Ende gefolgt und ja, ich hatte das Gefühl der Teppich werde mir unter den Füssen weggezogen. Die Realität mit ihrer ganzen Entzauberung breitete sich vor mir aus.

Ich werde mir den Film auf DVD irgendwann nochmals ansehen, hoffentlich mit einem Kommentar des Regisseurs dazu um all die verborgenen Weisheiten darin ganz aufnehmen zu können.


Nachdem ich darüber geschlafen habe, sehe ich es so, dass der Film auf verschiedenen Ebenen angeschaut werden kann:

Der RATIONALIST begreift das Gesehene als Märchen und sieht sich durch das Filmende bestätigt. Unerklärliches wird beiseite geschoben und an die Wissenschaft delegiert, sie soll die Antwort darauf finden.

Abgründe, wie sie sich zum Ende des Films zeigen, kann er ignorieren mit allen möglichen Folgen für ihn und seine Umgebung. Oder bei grossem Lei-densdruck lässt er sich eventuell in einer Psychoanalyse/-therapie darauf ein.

Der RELIGIÖSE erlebt in der Geschichte die Hand Gottes, die trotz allem Elend über dem kleinen Menschen wacht. Das Filmende kann er ignorieren oder annehmen.

Im Ignorieren besteht die Gefahr, die Abgründe, die sich zum Schluss des Filmes auftun, auf Andere zu projizieren mit allen bekannten Folgen. Werden sie jedoch angenommen, kann sie der Gläubige seinem Gott darbringen und sich ihm in seinem ganzen Menschsein hingeben.


Der SPIRITUELLE begreift die Fahrt im Rettungsboot als innere Reise. Er stellt sich all dem Dunklen, das während der Reise auftaucht, und lernt oft unter Schmerzen immer mehr, dass weder Gutes noch Böses von ihm getrennt ist. Er erwacht dazu die Einheit aller Dinge erst theoretisch zu verstehen und irgendwann direkt zu sehen.

Sobald der Reisende gecheckt hat, dass ihm nichts begegnet, was nicht auch etwas mit ihm zu tun hat, wird er im positiven Sinne demütig.

Alle drei haben gemeinsam, dass sie Vertrauen brauchen um zu leben. In was sie vertrauen wollen, ist ihnen überlassen, es ist ihre Wahl. Ich betrachte mich als eine Mischung aus allen drei genannten Menschentypen, doch am meisten neige ich zum letzteren, zum spirituellen Weg.

HIER↓ noch ein Interview mit Ang Lee über seine Beziehung zu seinem Vater und
HIER↓ über seine Beziehung zu Religion, Illusion und Spiritualität. Sein letzter Satz in diesem Interview: „Man muss zu seiner Spiritualität stehen und zwar ohne Zynismus.“

Ich sag’s ja, ich bin ein Fan von Ang Lee (lächel)