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Freitag

Mehrere 100 Jahre alt und viel gesehen ~ Eine weise Baumdame

Waren das wunderschöne Herbsttage, einfach supercalifragilisticexpiali-docious↓

Also ich kann ehrlich sagen, diese goldenen Herbsttage haben mich mit dem regnerischen Sommer versöhnt. Und eigentlich bin ich froh, war es nur kurz-fristig so richtig heiss mit wenigen Tagen über 30 Grad plus.

Am letzten dieser märchenhaften Herbsttage bin ich endlich dem Ruf einer uralten Baumdame gefolgt. Eine Fahrt mit Zug und Bus, und ich durfte sie begrüssen, die Linde von Linn, ihr Alter wird auf 500 bis 800 Jahre geschätzt. Lindenbäume können bis zu 1000 Jahre alt werden.


Von ihrer Existenz das erste Mal vernommen, habe ich vor zwei, drei Jahren als ich im Internet etwas über den Lindenhof↓ in Zürich recherchierte. Da war mir klar, irgendwann werde ich der Old Lady begegnen. Am letzten Montag war es endlich soweit-:)



Die mächtige Linde steht an einer Wegkreuzung am Dorfeingang der Gemein-de Linn↓. Diese ist mit 136 Einwohnerinnen und Einwohnern die kleinste Ge-meinde im Kanton Aargau.

In seinem interessanten  Buch „Baumzauber“ schreibt Kurt Derungs, dass der Ort um 1303 ze Linne hiess, was auf das althochdeutsche linta „Linde“ zurück-geht.


Zahlreiche Besucher kommen von nah und fern, um den ehrwürdigen Baum zu bestaunen, seine Heilkraft zu testen oder um den Ausblick ins Tal zu ge-niessen.

Die Linner Linde↓ ist auch Ausgangspunkt für zahlreiche Wanderungen in die schöne Landschaft des Tafeljura, sie ist einer der bekanntesten Bäume der Schweiz.




Umarmen konnte ich die Linde nicht, denn dazu hätte ich meterlange Arme gebraucht, sie ist 11 Meter breit und 25 Meter hoch.  Doch umrundet habe ich sie und ihre raue und verwitterte Haut und ihre Kraft unter meinen Hän-den gespürt.



Gestaunt habe ich über die Höhle auf der einen Seite im Baumstamm, die jedoch vergittert ist, ansonsten könnte man sich zur Not dort wohnlich ein-richten.

Jetzt kann ich mir etwas darunter vorstellen, wenn in Geschichten erzählt wird, jemand lebt oder meditiert in einem Baum↓



Ein freundlicher Baumgeist?


Im Internet habe ich Verschiedenes erfahren über die historische Bedeutung der Linde im Allgemeinen.

Bei den Germanen war die Linde der Göttin Freya geweiht. Diese Göttin war die Liebesgöttin und Schutzgöttin der menschlichen Gemeinschaft. Die Linde war Treffpunkt des Dorfes zum geselligen Zusammensein. Unter der Dorf-linde wurde getanzt, und sie war Treffpunkt der Liebenden.

Ebenso fanden unter der Linde die Thingversammlungen statt. An diesen wurde auch Recht gesprochen. Nachfolgend tagte bis ins Mittelalter das Gericht unter der Linde.

Die Christianisierung hat auch die Linden nicht verschont, aus vielen Freya-Linden wurden deshalb kurzerhand Marienlinden - und durften somit weiter verehrt werden.



Speziell über die Linner Linde erzählt Kurt Derungs im schon oben erwähn-ten sehr empfehlenswerten Buch


dass sich diese als ein Seelenbaum entpuppte, wo sich die verstorbenen Ahnen des Dorfes aufhalten. Denn der alte Glaube war, so jemand im Dorf starb, lebe sein Geist im Baum weiter.

Die Verstorbenen wurden hier rituell bestattet, jedoch existierten sie als Baumgeister weiter. Die Ahnen wurden dann besucht und um Rat gefragt, wie es in vielen Kulturen üblich ist.


Kurt Derungs↓ schliesst auch nicht aus, dass die Linner Linde als Gerichts-baum diente, wo im Angesicht der Ahnen Recht gesprochen wurde.


Da Orte des Todes, wie ihn die Linner Linde verkörpert, gerne auch Orte des Lebens sind, hält er es für möglich, dass der Baum auch ein Kindlibaum gewe-sen sein könnte, wo die Frauen jeweils eine Kinderseele in Empfang nahmen.

So schloss sich der Kreislauf von Leben und Tod, denn das empfangene Kind wurde als wiedergeborener Ahne betrachtet.

Hach, ich finde das alles so interessant, irgendwie öffnen sich da neue alte verriegelte Türen für mich, Zusammenhänge werden klar.


Unter dem ausladenden Blätterdach der Linner Linde zu sitzen hat mir ein Gefühl der Geborgenheit und Ruhe geschenkt.

Diese Erfahrung begleitete mich auf meinem Nachhauseweg. Selbst die vie-len gestressten und hastenden Menschen, durch die ich mich in der abendli-chen Rushhour im Hauptbahnhof hindurchlotsen musste, konnten diese Ruhe nicht zerstören.


Und bis heute hält dieses Gefühl an, irgendwie beschwingt und heiter, eine fröhliche Leichtigkeit erfüllt und umhüllt mich, lindenblütenduftig halt-:)))

Nicht umsonst wird gesagt: Wer sich unkonzentriert und zerstreut fühlt, setze sich eine Weile unter die Linde, sie wird beruhigen.

Ich atmet' einen linden Duft!
Im Zimmer stand ein Zweig der Linde,
Ein Angebinde von lieber Hand.
Wie lieblich war der Lindenduft!

Wie lieblich ist der Lindenduft!
Das Lindenreis brachst du gelinde!
Ich atme leis im Duft der Linde
Der Liebe linden Duft.

Friedrich Rückert 1788 - 1866


Dann auf ein Wiedersehen
du gütige und unergründliche Baumlady,
im nächsten Frühsommer zur Linden-Blüte, ich freue mich!